Presse-Mitteilungen aus Cloppenburg

02. Januar 2015

„Der Mut, dazubleiben, das ist Größe“

Der Tod eines 17-Jährigen: Wie die DRK-Krisenhelfer und ein ganzes Dorf die Eltern von Stanley unterstützen

Birgit und Ulf Schmidt aus Cappeln haben im größten Leid die größte Mitmenschlichkeit
erlebt. „Für Menschen in unserer Lage ist das ein Stück weit überlebenswichtig“, sagt die Mutter.

VON HUBERT KREKE

Cappeln/CLoppenburg.

Lachend hat sich Stanley (17) verabschiedet. „Ich hab‘ ihm noch einen netten Satz auf den Weg gegeben“, erinnert sich Birgit Schmidt an den
19. November 2013, als Stanley zu seiner Schule in Cappeln losfuhr. Und nicht mehr zurückkehrte.

20 Meter von der Haustür entfernt geriet der Junge mit seinem Fahrrad vor ein Auto, stürzte auf
die Fahrbahn. Drei Minuten später alarmierte eine Nachbarin die Mutter. „Ich dachte, vielleicht hat er sich ein Bein gebrochen“, erzählt die 47-Jährige:
„Da war ja gar nicht abzusehen, was passiert ist.“

„Ich wüsste nicht, wie ich diesen Tag hätte überstehen sollen“


Mit ihrem elf]jährigen Sohn an der Hand lief sie hinaus, kniete neben dem bewusstlosen Stanley Die Rettungssanitäter und die beiden Ärzte, die sich um den Jungen bemühen, erkennen rasch, wie ernst es um Stanley steht. Sie alarmieren die ehrenamtlichen Kriseninterventionshelfer des DRK. Denn der Familie steht ein endgültiger Abschied bevor.

Heinz Dierker, der Koordinator, und seine Kollegin Charlotte Conredel fahren sofort zu der Unfallstelle. „Ich stand völlig neben mir“, bekennt Birgit Schmidt. Dierker begleitet sie in die Neurochirurgie des Krankenhauses Quakenbrück, wo Stanleys schwere Kopfverletzungen behandelt werden sollen. Der befreundete Hausarzt der Familie kümmert sich derweil um den elfjährigen Sohn und erreicht schließlich den Vater per Handy.

In der Klinik arbeitet der Krisenhelfer leise und ruhig als Vermittler: Er besorgt die Informationen, erklärt den Eltern die Verletzungen und die medizinische Versorgung.,, Ich wüsste nicht, wie ich diesen Tag hätte überstehen sollen“, sagt Birgit Schmidt: „Für Menschen in unserer Lage ist das ein Stück weit überlebenswichtig.“

Wie in Trance bangen und hoffen die Eltern sechs Tage lang, fahren nur zum Duschen und Umziehen für ein paar Stunden nach Hause. Trotz der „Schockstarre“ fallen ihnen die „wahnsinnig netten Gesten“ wieder ein, die sie erlebt haben. Zum Beispiel ein Frühstück, das Charlotte Conredel ihren Kinder zu Hause gemacht hat, als das Paar am Bett von Stanley wartete.

Birgit Schmidt hat bis zum Schluss gehofft. „Bis zum letzten Atemzug war mir nicht klar, dass er stirbt“, sagt die Mutter, die fest glaubte.,, Es passiert noch ein Wunder“ Die übernatürliche Rettung ist ausgeblieben, stattdessen hat die Familie ein menschliches ‚Wunder“ erlebt:
„Das ganze Dorf hat mitgetrauert, uns mitgetragen und tut es heute noch“, berichtet sie: „Das hätte ich nie erwartet. Cappeln hat Außergewöhnliches geleistet.“

In der Schule richten Lehrer, Schulkameraden mit einer Krisenhelferin einen „Raum der Stille“ zum Trauern ein. In eine kleine ‚Wunschkiste“ stecken die Oberschüler Zettel mit guten Wünschen und Erinnerungen an Stanley. Der Pfarrer erlaubte, die Kiste mit dem Sarg beizusetzen.

„Das Mitgefühl der Schüler war enorm“, erinnert sich Heinz Dierkel „Bis heute!“, ergänzt die Mutter. Obwohl auch die Jugendlichen eigentlich mit der Situation überfordert waren, hätten sie den Mut aufgebracht, sich mit der Familie an einen Tisch zu setzen, erzählt der Krisenhelfer. Dierker begleitete das Gespräch. Vater Ulf ist voller Hochachtung für den Beistand. Die innere Barriere, auf Menschen in einer Notsituation zuzugehen, ist ihm bewusst.,, Den Mut, dazubleiben, das ist Größe“, sagt er. Die Krisenhelfer hätten ihm und seiner Frau „eine Richtung gewiesen, in die es weitergeht“. Der 50- jährige Vater glaubt: ,,Das hat uns einen großen Schritt vorangebracht.“

Auf die Ermutigung kann sich die Familie noch immer stützen. Am 9. November hat die Familie Stanleys Geburtstag gefeiert. ,,Er wäre so gern 18 geworden“, sagt seine Mutter fast entschuldigend, weil sie ohne ihn gefeiert haben. ,,Ich hatte Angst“, gesteht Birgit Schmidt.,, Ich wusste nicht, wie überstehst Du diesen Tag.“ Aber Stanleys Freunde sind gekommen: „Die haben uns getragen. Es war toll.“

Jeder Tag erinnert an Verlust: „Um so mehr kommen wir voran.“

Professionelle Unterstützung erhält die Mutter von einem Traumatherapeuten, den ihr der Krisen-Interventionsdienst auf dem ganz kurzen Dienstwegvermittelt hat. Denn der Psychologe arbeitet selbst als ehrenamtlicher Krisenhelfer unentgeltlich mit. ‚Wir setzen uns jeden Tag damit auseinander“, sagt Ulf Schmidt: „Um so mehr kommen wir voran.“

Auch seine Frau hat diese Zuversicht gewonnen. ,, Man hat keine andere Chance‘ weiß die 47-Jährige:,,Es geht nur nach vorne.“ Aber: „Es geht nur mit Stanley. Der ist immer dabei.“


FAKTEN
Birgit und Ulf Schmidt unterstützen eine Spendenaktion zugunsten des Krisen Interventionsdienstes beim DRK.
Die 54 Helfer(innen) haben in diesem Jahr bereits über 600 Menschen bei schweren
Unfällen und dem Verlust naher Angehöriger ehrenamtlich betreut.
Für die Einsätze benötigt der Dienst einen neuen Kleinbus für rund 30000 Euro.
Über 7000 Euro haben Privatpersonen und Vereine bisher eingezahlt
12500 Euro spenden die Bürgerstiftung Cloppenburg, die OLB und Derby Cycle.
Damit fehlen noch knapp 10000 Euro.


Halt geben: Die Helfer des Kriseninterventionsdienstes wissen, wie sie traumatisierte und geschockte Menschen unterstützen können. Dabei arbeiten ehrenamtliche Helfer, aber auch Geistliche unter dem Dach des DRK zusammen. Foto: dpa

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Weitere Informationen unter:

Alexander Rolfes
info@buergerstiftung-clp.de

 

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